Das Menschenreich

Die Begründung für meinen Begriff “Menschenreich”
Bie Biologie spricht von dem Pflanzenreich und dem Tierreich. Der Mensch wird dabei zum Tierreich gezählt.
Die Philosophie lebender Systeme meint jedoch, dass der Mensch inzwischen in Folge der stattgefundenen Zivilisation ein Menschenreich begründet hat.

1. Die körperexternen Organe,
die zusätzlichen Leistungserbringer des Systems Mensch und die Globalisierung
Der Mensch hat mit Hilfe seines Ideenreichtums weitere Organe entwickelt, die außerhalb seines lebenden Körper liegen und die nicht mit tierischer Energie (ATP) betrieben werden müssen, sondern mit Fremdenergie, die er seinem lebenden Körper nicht erst zuführen muss. Ich meine dabei beispielsweise Benzin und Strom.
Der Antrieb dazu kommt aus der Suche nach Energieersparnis (Wilhelm Ostwald 1908) oder Effektvergrößerung bei gleichem Energieaufwand.
Der Mensch muss daher selbst weniger Energie mit Hilfe seiner Zellen erzeugen und entlastet seinen lebenden Körper. Diese nichtlebenden körperexternen Organe, die der Fortbewegung – wie das Auto – oder anderen Zwecken dienen, gehören zum Individuum wie seine lebenden Organe innerhalb des Körpers. Das System Individuum hat sich also um nichtlebende materielle Teile vergrößert. Dieses moderne Individuum nenne ich System Mensch. Im Vergleich mit allen anderen lebenden Systemen hat es eine neue Qualität dadurch, dass es über zusätzliche Organe verfügt, die bei seinem Tod nicht mitsterben. Sie werden an die nächste Generation weitervererbt oder können zu Lebzeiten an die Mitmenschen abgegeben oder verkauft werden – am genetischen Vererbungscode vorbei. Um diese nichtlebenden körperexternen Organe zu handeln, hat der Mensch das Geld erfunden. Die körperexternen Organe, beginnend mit seinen Bekleidungsstücken, müssen also vom Individuum nicht selbst hergestellt werden, wie die inneren Organe, sondern können gekauft werden. Durch Vervollkommnung einer oder weniger Fähigkeiten kann das Individuum Geld verdienen und sich damit die Fähigkeiten aller anderen Menschen aneignen - und das global!!
An den Bedürfnissen der Zelle haben die Evolution und auch die Zivilisation nichts geändert. Die Zivilisation hat jedoch die Nahrungsbeschaffung erheblich komplizierter gemacht. Während der Affe sich durch einen Griff an den Baum eine Banane pflücken und sich einverleiben konnte, muss der moderne Mensch und seine Mitmenschen folgende Aktionen durchführen, wenn er eine Banane essen möchte:
Das Individuum muss zunächst eine Schule besuchen und eine Ausbildung machen, um einen Arbeitsplatz zu finden, an dem er täglich 8 Stunden zubringt, dort arbeitet und dafür Geld erhält. Mit diesem Geld geht er in den Supermarkt, kauft sich eine Banane und legt diese in seiner Wohnung in eine Obstschale. Dazu benötigt er natürlich eine Wohnung mit Einrichtung und eine Obstschale. Die Wohnung muss erst einmal von verschiedenen Mitmenschen hergestellt werden, wie auch die Einrichtung. Die Banane muss ihrerseits auch erst einmal von einem Mitmenschen in einem anderen Erdteil gepflückt werden und mit Schiff und Lastwagen in den Supermarkt transportiert werden. Dazu müssen selbstverständlich erst einmal Schiff und Lastwagen mit den entsprechenden Antriebssystemen und Verbrennungsmitteln erfunden und hergestellt werden, Straßen gebaut werden und natürlich der Supermarkt. Und die elektronische Kasse im Supermarkt muss entwickelt und produziert werden und ein Kassierer muss eingestellt werden, damit das Individuum die Banane im Supermarkt vorfindet und kaufen kann.
Das Erfinden und Herstellen dieser und der anderen, hier nicht erwähnten, Voraussetzungen, das nur einige tausend Jahre gedauert hat, sowie die Organisation der gesellschaftlichen Verbindungen und Versorgungsstrukturen sind der zivilisatorische Prozess, der die Evolution abgelöst hat und zu den gegenwärtigen Verhältnissen geführt hat, ist ein Argument, den Menschen aus dem Tierreich herauszuheben.
Die Produktion körperexterner Organe führt dabei nicht nur zur Energieersparnis des Individuums, sondern auch dazu, gemeinschaftlich nutzbare Organe zu bauen, wie Öffentliche Verkehrsmittel, Flugzeuge und naturlich die Preoduktionsstätten, die Fabriken usw.. Diese gemeinschaftlich genutzten Organe sind auch die Straßen und andere Verkehrswege, die verbindenden Versorgungsnetze, wie Straßennetz, Schienennetz, Stromnetz, Gasnetz, Internet usw.. Die Produktionsstätten waren anfangs oft Eigentum von Produktionsmittelbesitzern, was Karl Marx dazu veranlasst hat, diese Eigentumsverhältnisse als Ursache einer “Entfremdung” des Menschen zu erklären. Tatsächlich werden die Produkte ja verkauft und gelangen damit in das Eigentum der Individuen als körperexterne Organe. Die eigentliche “Entfremdung” besteht darin, dass der Mensch zum Teil der Maschine geworden ist und der Maschine kompliziertere Arbeitsschritte abnimmt. In Lauf der Zivilisation verbessern sich sich die Maschinen immer mehr, so dass am Ende nur von Überwachungsfunktionen vom Menschen übernommen werden, die schließlich auch noch Apparate mit sensorischen Funktionen übernommen werden können.
In Wahrheit handelt es sich nicht um eine Entfremdung - bzw. lediglich um eine Entfremdung von der Natur -, sondern um den Eintritt des Menschen in ein neues Reich, das Menschenreich. Neben das Pflanzenreich und das Tierreich ist nun das Menschenreich getreten, das sich zusätzlich durch folgende Unterschiede von sonstigen lebenden Systemen abhebt:

2. Die körperexterne Energiegewinnung und Energiespeicherung

Die Motoren zur Bewegung dieser Organe, liegen außerhalb der Zellen und außerhalb der Individuen. Der Mensch nutzt nicht nur, wie die Pflanze, Außenenergie (Licht), sondern der Motor, der die Energie in Bewegung umwandelt, liegt beim System Mensch ebenfalls zusätzlich außerhalb seiner Zellen. Die Pflanzen haben ihren Chlorophyllmotor innerhalb der Zellen und speichern auch ihre Energie zellintern (als Glucose). Die tierische und menschliche lebende Zelle stellen ihren Energieträger, das ATP (Adenosintriphosphat) ebenfalls zellintern her (Glycolys, Citratcyclus, Atmungskette). An dieser Energiegewinnung und -speicherung in den Mitochondrien der Zelle hat die Evolution nichts verändert. Der Mensch hingegen muss jedoch die Energie zum Betreiben seiner körperexternen Organe nicht mehr durch die Nahrung aufnehmen und selbst produzieren, sondern er beschafft sich Strom, Benzin usw. außerhalb seines Körpers und betreibt seine Organe (Auto, Kühlschrank usw.) außerhalb des Körpers - und kann auch den Energieträger in diesen Organen speichern, wie das Benzin im Autotank oder den batteriegespeicherten Strom in der Taschenlampe).

3. Die körperexterne Informationsspeicherung

Die Informationen, die zur Entwicklung, Herstellung und zum Betreiben der körperexternen Beweger nötig sind, werden ebenfalls körperextern gespeichert, in Büchern, auf Festplatten usw.

Und letztlich ist es diese zellexterne und körperexterne Informationsspeicherung, die den Menschen in ein eigenes Reich, das Menschenreich, hebt.

Die Zelle speichert die für sie wichtigen Informationen (Bauanleitungen) im Kern mittels eines genetischen Codes. Die Individuen speichern die wichtigen Anleitungen zum Auffinden ihrer Nahrung (Energie) in einem Nervensystem und seinem Zentralorgan, dem Gehirn. Der Mensch speichert sein Wissen zusätzlich hirnextern in Büchern, auf Festplatten usw., wo sie seinen Tod überleben (Emergenz).
Diese letzte sprunghafte Veränderung der Informationsspeicherung auf körperexterne Datenträger ist die Neuerung, die die Zivilisation beschleunigt hat und den Menschen aus dem Tierreich heraushebt, da sie den Erbweg der Biologie, der Informationen nur an die eigenen Nachkommen weitergibt. Der Mensch kann zu Lebzeiten seine Informationen über das Internet an alle Menschen weitergeben, und das ohne den Zeitverlust des biologischen Erbgangs.

Auch hier zeigt sich wieder die Globalisierung, das Zusammenwachsen der Menschen zu einer Einheit.

Rudi Zimmerman
Gesellschaftsphilosoph

Eine Reaktion zu “Das Menschenreich”

  1. Lutz von Grünhagen

    Hallo Rudi,
    was mich interessiert an Deiner Idee, von einem Menschenreich zu sprechen, ist ihr Bezug zu der Frage, wie die Menschheit ihre gegenwärtige Existenzkrise bewältigen kann. Wir Menschen sind wohl vor allem deshalb eine besondere Tierart, weil wir intelligent genug sind, um von Generation zu Generation immer mehr Wissen anzuhäufen, so dass sich bei uns deutlich sichtbar eine Kulturgeschichte ergeben hat.

    Das bedeutet, dass wir uns fragen können, wohin diese Kulturentwicklung, also die Entwicklung des „Menschenreichs“ gehen könnte. Diese Frage ist jetzt besonders interessant, weil uns diese Entwicklung offensichtlich erst einmal in eine existenzielle Krise geführt hat. Es steht die Frage: „Ist diese neuartige Tierart Mensch mit ihrer extrem großen intellektuellen Leistungsfähigkeit, die zur Entwicklung dieses Menschenreichs führte, auf Dauer überhaupt lebensfähig?“

    Ich melde mich in der Gesellschaft nur deshalb zu Wort, weil ich einen Ausweg aus dieser Existenzkrise sehe. Und ich möchte diesen Ausweg so schnell wie möglich in die öffentliche Diskussion bringen, weil für mich das Leben in diesem untergehenden „Menschenreich“ natürlich nicht „das wahre Leben“ ist. Auch auf einem untergehenden Schiff würde ich zuerst versuchen, mich und meine Angehörigen zu retten, statt mir einen gemütlichen Schlafplatz in der Kabine einzurichten.

    Aber es gehört zu den Bedingungen dieses drohenden Untergangs, dass im „Menschenreich“ die meisten Leute sich so verhalten, als ob es gar keine Krise gäbe. Viele machen sich eher Sorgen um ihren nächsten Urlaub als um die Zukunft unserer biologischen Art. Und die wenigen, die sich mit der Krise auseinandersetzen, tun dies auf eine Weise, die mir kaum Gelegenheit gibt, mich direkt mit dem Vorschlag des Ausweges an die Öffentlichkeit zu wenden, den ich seit Jahrzehnten deutlich sehe.

    Ich habe gelernt, dass die allgemeine Ablenkung von den Überlegungen, die uns retten würden, auf eine Weise systematisch abläuft, die wiederum auch überlebensdienlich wirkt. Das heißt, es könnten nicht auf einmal alle Menschen aufhören, ihren Alltag weiter zu betreiben, um bloß noch miteinander über die Zukunft nachzudenken. Auch dann würde das System „Menschenreich“ zusammenbrechen, und zwar viel eher noch als bei Fortsetzung des gewohnten Verhaltens.

    In diesem Sinne vermute ich auch in Deinen ausgedehnten systematischen philosophischen Exkursen einen Sinn im Gesamtzusammenhang der Entwicklung des „Menschenreichs“. Wenn Du im Gegensatz zur mir gerade nicht gezielt und möglichst bald Überlegungen in die Welt setzen möchtest, die Du für die Entscheidenden zu unserer Rettung hältst, dann dürfte das irgendwie eine gute Gelegenheit dazu sein, dass sich unsere Aktivitäten sinnvoll gegenseitig ergänzen.

    Deshalb äußere ich mich hier zu einem Text von Dir, ohne dass ich in diesem Zusammenhang noch dazu komme, den denkbaren Ausweg aus der Krise zu benennen. Und das geschieht hier auch, so glaube ich, vollkommen unter Ausschluss der Öffentlichkeit, weil unsere Diskussion hier von niemandem gefunden werden dürfte. Und trotzdem hat das vielleicht einen Sinn, indem wir damit einen Dialog anfangen, der vielleicht zum Ziel des Überlebens unserer biologischen Art führt. Viele Grüße, Lutz

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